Für ihr Startup traceless filtert Anne Lamp Polymere aus den Abfällen der Agrarindustire.

traceless: Eine spurlose Alternative gegen das Plastikproblem

Die Forschungsergebnisse von Dr. Anne Lamp könnten den Markt für Biokunststoffe revolutionieren: Ihr entwickeltes Material ist nach wenigen Wochen kompostierbar, lässt sich essen und künftig zu einem wettbewerbsfähigen Preis herstellen.

 

Mitten in der Bachelor-Phase kam Anne Lamp die Sinnkrise: Was mache ich hier?! Was kann man mit dem Studium der Verfahrenstechnik sinnvolles machen, abseits davon Kolonnen zu bedienen und Pestizide herzustellen? „Diese Profession trägt nicht gerade dazu bei, die Umwelt zu schützen. Das Gegenteil ist eher der Fall. Ich war schon immer naturverbunden und umweltbewusst, das passte aber nicht mit der Berufsperspektive zusammen. Also hab ich mich auf die Suche gemacht, um einen positiven Ansatz zu finden: So bin ich auf Cradle To Cradle (C2C) gestoßen und habe angefangen, mich mit kreislauffähigen Produkten und Produktionsverfahren auseinanderzusetzen. Später, während meiner Promotion, habe ich meine Forschung dann nach dem biologischen Kreislauf ausgerichtet und die Suche nach alternativen Materialien gestartet“, erklärt die mittlerweile promovierte Forscherin. Die gebürtige Hamburgerin ist seit sechs Jahren in der Cradle to Cradle NGO aktiv und war dabei u.a. Gründerin und Leiterin der Hamburger Regionalgruppe. Zudem engagiert sie sich als C2C Trainerin in der Bildungsarbeit der NGO. Diese ehrenamtlichen Tätigkeiten sind für Anne Ehrensache.

Das leidige Umweltproblem

Seit 1950 schadet Plastik, als nach dem linearen Produktionsansatz (Cradle to Grave) produzierter Kunststoff in unterschiedlicher Machart maßgeblich die Umwelt. 85 Prozent der jemals weltweit produzierten Kunststoffe liegen weiterhin auf Deponien oder verschmutzen zunehmend die Ozeane. Insbesondere Einweg-Produkte, die selbst in Ländern mit einem funktionierenden Recycling-System oft nicht wiederaufbereitet werden können, weil sie nicht Recycling-fähig sind, bedrohen unsere Umwelt und beschleunigen den Klimawandel. Deshalb werden zum Beispiel in der EU ab 2021 sogenannte ‚single-use plastics‘ verboten.

Am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft (IUE) der Technischen Universität Hamburg erforscht Anne deshalb umweltschonender Produktionsverfahren zur Herstellung alternativer Materialien für all jene Produkte, die leicht in die Umwelt gelangen können. Ihr erklärtes Ziel ist es, die Kunststoffverschmutzung zu stoppen.

Die potentielle Lösung

Anne Lamp hat im Bereich der Wertstoffgewinnung aus Agrarreststoffen promoviert. Parallel dazu hat sie ein Verfahren für ein neues, kompostierbares Material entwickelt: „So flossen meine Ausbildung als Verfahrenstechnikerin und mein Ehrenamt bei C2C ineinander. Daraus entstand traceless. Auf einmal haben sich diese sechs Jahre Ehrenamt umso mehr ausgezahlt: Das aufgebaute Netzwerk, die Denkweise, Produkte schon durch ihr Design für den biologischen oder technischen Kreislauf zu entwickeln. Ich habe von dieser Erfahrung sehr profitiert.“

Bei neuen Erfindungen und Entwicklungen wird oft gefragt, wie disruptiv sie sind. Anne Lamp hat noch nie da gewesenes Verfahren zur Herstellung eines neuen Material entwickelt, das man als Plastikersatz nutzen kann. Die von ihr entwickelte Technologie ermöglicht es, aus Reststoffen der Agrarindustrie ein neues Material herzustellen, aus dem eine Folie, ein formstabiles Material und Beschichtungen gewonnen werden können. Diese sind 100 Prozent biobasiert, konkurrieren nicht mit der Lebensmittelproduktion, benötigen keine umwelt- oder gesundheitsschädlichen Weichmacher oder andere Zusatzstoffe und sind zu Hause kompostierbar. Das neue Material besitzt mechanische, Barriere- und lagerstabile Eigenschaften, die mit denen herkömmlicher Kunststofffolien und Hartkunststoffen vergleichbar sind: „Allerlei Produkte, die viel zu oft in die Umwelt gelangen, wie beispielsweise To-Go-Produkte oder Lebensmittelverpackungen, lassen sich durch diese kompostierbaren Materialien ersetzen. Es ist natürlich nicht das Ziel diese Produkte achtlos in die Umwelt zu werfen. Doch wenn sie dort landen, belasten unsere Materialien die Umwelt nicht“, erklärt die Forscherin. Ihr Ersatzprodukt habe also schon gute Eigenschaften, muss jedoch manchmal noch optimiert werden, damit sie für die jeweilige Anwendung funktionieren: „Ich habe fünf Jahre als Wissenschaftlerin an einem Forschungsinstitut promoviert. Dies ist einer der kritischsten Berufe, den es gibt. Obendrein bin ich eine Frau, wir sind noch einen Tick kritischer“, erklärt Anne lachend ihre natürliche Skepsis.

Aber die Frage sei auch, wo wir denn mit dem Material hinwollen: In vielen Bereichen wie beispielsweise Verpackung oder Strohalmen könne ihr Ersatzstoff schon glänzen. Von einem maschinenfesten Kaffeebecher, der sich später selbst zersetzt, sind wir aber Anne zufolge noch entfernt:„Je nach Anwendung müssen verschiedene Anforderungen gewährleistet sein, wie etwa Hitzestabilität, UV-Stabilität, Wasserfestigkeitusw. – und gleichzeitig wollen wir die Abbaubarkeit erhalten. Das Material, welches alle Anforderungen erfüllt, und gleichzeitig kompostierbar ist, gibt es noch nicht. Wir können kein ein Material erwarten, dass man bei 100 Grad in die Spülmaschine tut und sich dann im Heimkompost innerhalb von zwei Wochen abbaut. Das muss unser Material aber auch nicht können, denn dafür gibt es andere, gute Lösungen aus dem technischen Kreislauf, wie beispielsweise der Mehrweg Kaffeebecher. Die Anwendbarkeit von traceless fokussiert sich auf Produkte, die kurzlebig sind und die heute leider oft in der Umwelt landen.“

Inspiration durch die Gründungskultur

Wäre Anne nicht vor anderthalb Jahren auf die Startup-Welt gestoßen, hätte sie sich vermutlich bis heute lediglich auf das Forschen beschränkt: „Christian Sigmund, der Gründer von Wildplastic, hat mich zur Gründung inspiriert. Von der Startup-Welt habe ich dieses Selbstbewusstsein gelernt, was die eigene Idee angeht. Und heute weiß ich, dass es bei einem Pitch auf die 80 Prozent ankommt, die wir schon geschafft haben, und nicht auf die 20 Prozent die noch fehlen.“

Vielseitiger Support

Zu jener Zeit stieß sie auch auf das Startup Dock. Ein erstes Unternehmen hatte damals Interesse an Annes Material gezeigt: „Ich war unsicher und kannte meine Optionen nicht. Das Startup Dock hat mich beraten und gab mir Tipps. Sebastian Bartosch war meine Hauptansprechperson, aber auch Konstantin Kollar und Dr. Andrea Otto haben mich hinsichtlich der Gründung beraten. Sie sind bis heute meine Sparringspartner, wenn es um mein Pitchdeck geht. Wir sprechen beispielsweise auch über unsere Strategie, wie wir Dinge realisieren können. Das sind alles Business-Komponenten, über die man sich als Forscher weniger Gedanken macht“, erzählt sie.

„Zudem hat mir Hamburg Innovation viel geholfen, als ich mich mit meinem Projekt biofilm vor einem Jahr bei „Calls for Transfer“ (C4T) beworben habe, einem Förderprogramm für Technologietransfer und Innovationen an Hochschulen. Und als gegen Jahresende dann die Zusage bekam – das war toll! Denn wenn man alleine an der Uni mit einer Idee sitzt, hat man erstmal kein Geld. Mit bioplast (heute traceless plast) habe ich mich erneut erfolgreich beworben und die Förderung bekommen. C4T ist einfach ein Unikat in Sachen Geschwindigkeit: Noch nicht mal zwei Monate von der Bewerbung bis zur Zusage: Findet man sonst nirgendwo“, zeigt Anne sich zufrieden.

Das Team hinter der Idee

Bis Anfang 2020 hat Anne Lamp nach eigenen Aussagen aufgrund ihrer Promotion an dem Thema nur nebenbei geforscht. „Ich habe damals bei der ,Act On Plastic Challenge‘ von Project Together mitgemacht, da wurden systemische Auswege aus der Plastikverschmutzung gesucht und gefördert. Johanna Baare – heute COO bei traceless – war dort mein Coach“, erzählt Anne darüber, wie sie ihre Mitgründerin fand. Durch das Coaching konnten beide sich etwa ein halbes Jahr kennenlernen und das nötige Vertrauen fassen. „Im Frühjahr 2020 habe ich gemerkt, dass ich einen festen Partner für die Strategieentwicklung und Finanzierung brauche und Johanna hatte da gerade wieder Zeit, denn ihr damaliges Startup musste durch Corona einsparen. Seit Mai 2020 ist sie jetzt dabei und wir ergänzen uns super: Johanna hat mit ihrer Erfahrung in der Strategieberatung und ihrem MBA eine einhundertprozentige komplementäre Expertise. Sie lebt in Kopenhagen, deswegen läuft im Moment alles remote – aber das ist ja im Moment ohnehin eher der Normalfall“, so die Gründerin.

Momentan hat traceless es noch keine Vollzeitkräfte, aber schon ein relativ großes und multidisziplinäres Team an MitstreiterInnen: Beim Business Development unterstützt Janika Ofterdinger. Marketing und Medien verantworten Johanna Maasackers und Haslet Alp. Layout, Fotos und Grafiken kommen von der Produktdesignerin Isabel Thoma, die auch die Marke und die Produkte designt. Auf der wissenschaftlichen Seite wirken Jan Dethloff und Sinah Kammler mit, die über dieses Thema auch ihre Masterarbeit schreiben. Sie sind ForscherInnen am Institut für Umwelttechnik und Energiewirtschaft. „Franziska Ploch, Marc Conrad, Reiner Pürling, Helen Guttowski und Lennart Andersen und Niklas Rambow helfen bei der Technologieweiterentwicklung: Da geht es darum, die Technologie hoch zu skalieren und Kosten zu kalkulieren. Noch sind wir an der TU im Labormaßstab unterwegs, das wird sich aber Anfang nächsten Jahres ändern. Und Johanna und ich halten die Fäden zusammen und kümmern uns im die strategische Geschäftsentwicklung, Finanzierung, Produkt- und Technologieentwicklung „…ach, alles gleichzeitig“, schließt Anne amüsiert.

Das Ziel: Die industrielle Fertigung

Die Zukunft betrachtet Anne mit einer vorsichtigen Euphorie. Sie schätzt die Abwechslung von Forschung und Geschäftsentwicklung: „Unser Ziel ist es, kurzfristig in mehreren Schritten die Technologie auf einen Industriemaßstab hoch zu skalieren. Mit unserem Material können wir die Umweltverschmutzung durch Plastik nur dann wirklich verhindern, wenn es bezahlbar ist. Der Preis ist ein wichtiger Faktor, um eine echte Alternative für herkömmliches Plastik zu werden. Um günstig produzieren zu können, müssen wir schnell wachsen. Langfristig ist die Produktion in großen Industrieanlagen das Ziel – um den größtmöglichen Einfluss auf das Plastikproblem zu nehmen.“

 

 

Mehr über traceless:

https://www.traceless.eu/

 

Mehr über „Cradle to Cradle”  (C2C):

„Cradle to Cradle“ (C2C) ist ein Ansatz für eine durchgängige und konsequente Kreislaufwirtschaft. Das auch als Philosophie bzw. System wahrnehmbare Prinzip wurde Ende der 1990er-Jahre von dem deutschen Chemiker Michael Braungart und dem US-amerikanischen Architekten William McDonough entworfen.

https://c2c.ngo/

 

Zum Förderprogramm „Calls for Transfer“ (C4T)

Das im Juni 2018 im Rahmen des neuen Förderprogramms für Technologietransfer und Innovationen an Hochschulen gestartete Projekt „Calls for Transfer“ (C4T) in Trägerschaft der Technischen Universität Hamburg (TU Hamburg) unterstützt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, deren Forschungsergebnisse unsere Gesellschaft von morgen mitgestalten. Das Programm fördert den Ideen-, Wissens- und Technologietransfer an den staatlichen Hamburger Hochschulen, indem Projektanträge mit bis zu 30.000 Euro initial unterstützt werden. Auf diese Weise sind bereits 38 unterschiedlichste Vorhaben technischer, naturwissenschaftlicher und medizinischer Natur sowie aus den Kultur- und Geisteswissenschaften ihrem Ziel einer nachhaltigen Realisierung näher.

https://hamburginnovation.de/projekte/calls-for-transfer/