Vulvani ist gegen Fotos, die Vorurteile der Menstruation reproduzieren (à la blauer Flüssigkeit als Periodenblut in der Werbung) und teilt deshalb eigenes Bildmaterial kostenlos.

Vulvani: Das Startup möchte Menschen durch unterhaltsame Bildung stärken und inklusive Gesellschaften schaffen

„Die Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverständnisse", dieser Satz stammt aus einem aufsehenerregenden Tampon-Werbespot des Jahres 1994. Eine Aussage, die leider heute noch immer ihre Gültigkeit hat. Deshalb haben Britta Wiebe und Jamin Mahmood 2020 Vulvani gestartet, eine digitale Bildungsplattform rund um Menstruation, Zyklusgesundheit und Sexualität. Durch interaktive Online-Kurse, einem Online-Magazin sowie Social-Media-Aktivität will das Startup unkompliziert und spielerisch Wissenslücken über den weiblichen Körper schließen.

 

Vor über drei Jahren haben sich Britta Wiebe und Jamin Mahmood auf einer Dating-Plattform kennengelernt. Britta, eine Alumna der Universität Hamburg, war damals als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fresenius Hochschule in Hamburg tätig. Im Rahmen ihres Interesses für gesundheitliche Themen erkannte sie zu jener Zeit ein allgemeines Informationsdefizit beim Thema Menstruation. Auch im Freundeskreis wusste man nur erschreckend wenig über dieses gesellschaftsrelevante Thema.

Jamin hingegen hat erst ein Duales Studium bei einem Mineralölkonzern absolviert und wollte dann auf eigenen Beinen stehen, deshalb hat er schließlich gekündigt und diverse Geschäftsideen verfolgt: Erst ging es um eine nachhaltige Lunchbox, dann zwischenzeitlich um ein japanisches Reissandwich und schließlich um E-Commerce mit Berufskleidung. Letzteres funktioniert für ihn bis heute – automatisiert.

Im Oktober 2019 sind Britta und Jamin gemeinsam für mehrere Monate durch Südamerika gereist. Um Eindrücke zu erleben, den Kopf freizubekommen und sich neu zu orientieren. Vorher hat Britta ihren Job als Wissenschaftliche Mitarbeiterin gekündigt. Nach zwei Jahren sah sie hier keine mögliche Weiterentwicklung mehr. Diese sah sie vielmehr in der Startup-Welt. Ein Online-Magazin hatte sie inzwischen schon zum Thema Menstruation, jedoch war das noch kein Geschäftsmodell. Und da kam ihr Freund Jamin ins Spiel: „Als cis-Mann und nicht menstruierender Mensch hat man mit dem Thema Menstruation generell sehr wenig Berührungspunkte. Ich habe aber keine Scheu auch vermeintliche Tabuthemen offen auszusprechen. Meine Stärken liegen im Vorantreiben von Ideen und Visionen. Ich möchte meine Zeit und Erfahrung in Projekte investieren, die den Menschen ein besseres, schöneres und würdevolleres Leben ermöglichen. Britta hat genau hier ein lange Zeit unbeachtetes Problem erkannt, sodass wir unsere jeweiligen Stärken perfekt einbringen können“, begründet er die Zusammenarbeit mit seiner Partnerin.

 

Support durch beyourpilot und dem Gründungsservice der Universität Hamburg

Also suchte das Paar im Sommer 2020 nach der geeigneten Beratung und Unterstützung zum Startup: Bei Google stießen sie auf den Gründungsservice der Universität Hamburg sowie auch beyourpilot. Gemeinsam mit der Gründungsberaterin Dr. Bettina Otto bewarben sie sich auf diverse Förderungen, wie z. B. InnoFounder von der IFB Innovationsstarter GmbH: „Unsere Gründungsberaterin Bettina hat uns definitiv einen Schub gegeben, denn sie hat uns nicht nur die passenden Förderungen vorgestellt und ist die Bewerbung mit uns gemeinsam angegangen, sondern sie hat uns auch vor allem uns auch ermutigt, thematisch fit gemacht und immer wieder gechallenged. Sie vermittelte uns einen Eindruck, was alles möglich ist. Das hat uns inspiriert“, erklärt Jamin. Das Startup Vulvani war geboren.

 

Edutainment

 „Wir entwickeln aus unangenehmen Themen ein digitales Bildungsprodukt, das in der Benutzung Spaß macht. Mithilfe von interaktiven Online-Kursen der Vulvani Academy und unserem Online-Magazin werden Wissenslücken über den weiblichen Körper geschlossen. Dies enttabuisiert Themen und ermöglicht eine positive Aufklärung der Gesellschaft“, erklärt Britta. Bei Vulvani geht es um sogenanntes „Edutainment“, eine Kombination aus Lehre (education) und Unterhaltung (entertainment). „Das Ausmaß, an dem Menschen unter dem Periodentabu und daraus resultierenden Wissenslücken leiden, umfasst Scham und Stigmatisierung, vermeidbare Gesundheitsprobleme und den Ausschluss vom öffentlichen Leben oder religiösen Praktiken.“ Vulvani möchte Menschen an die Hand nehmen und sie dazu ermutigen, sich intensiv und bewusst mit dem eigenen Körpern auseinanderzusetzen, um gemeinsam den Kreislauf der Tabus zu brechen. „Und immer dran denken: Nicht alle, die menstruieren, sind Frauen, und nicht alle Frauen menstruieren“, ergänzt Britta. Statt universelle Lösungen vorzugeben, gibt Vulvani Denkanstöße und fordert: „Lasst uns gemeinsam die Aufklärungs-Welt revolutionieren und offener über Menstruation und alles, was damit in Verbindung steht, sprechen!”

 

Menstruation ohne Produkte: Free Bleeding

Im Mai 2021 hat das Startup beispielsweise mit „Menstruation ohne Produkte: Free Bleeding" den ersten deutschsprachigen Online-Kurs über „Free Bleeding“ gelauncht. Hierbei wird auf herkömmliche Periodenprodukte, wie zum Beispiel Tampons oder Menstruationstassen, verzichtet. Dem Blut wird vielmehr „freier Lauf’“ gelassen. Dies endet jedoch nicht in blutigen Hosen – wie es sich vielleicht viele im Kopfkino vorstellen. Denn bei Free Bleeding wird das Menstruationsblut direkt auf der Toilette abgelassen: „Durch eine bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers ist es möglich, zu spüren, wann das Blut kommt – so wie wir es mit anderen Körperflüssigkeiten auch gelernt haben“, erklärt Britta auf ihrer Homepage. Bei Free Bleeding gehe es viel um aktives Zuhören, bewusstes Beobachten und Achtsamkeit in Bezug auf den eigenen Körper.

Inspiriert wurde Britta zum Free Bleeding während des Wintersemesters 2015/2016 in Mexico, wo sie das Auslandssemester ihres Masters der Universität Hamburg verbracht hat.

. Im Verlauf ihres mehrmonatigen Aufenthaltes war sie genervt, dass es ihre deutschen Lieblings-Tampons nicht überall zu kaufen gab. Ihre Lösung? „Kiloweise Tampons mitnehmen“ - bis ihr eine gute Freundin ganz nebenbei von Free Bleeding erzählt hat. Einmal ausprobiert, gab es für sie kein Zurück mehr. „Es ist eine wunderschöne kleine Abenteuerreise, die ich seitdem mit meinem eigenen Körper, dem Menstruationszyklus und meiner Periode erlebe und dabei lerne ich mich selbst ständig besser kennen – und genau das möchte ich auch in diesem Online-Kurs teilen“, so Britta.

 

Unrealistische Visualisierung unterstützt das Menstruationstabu

Ein weiteres Thema ist beispielsweise die oft unrealistische Darstellung der Menstruation in den Medien: „Wir wissen, wie schwierig es ist gutes Fotomaterial für die eigene Website, den Blog oder Social-Media-Kanäle zu finden. Gerade im Bereich Menstruation gibt es derzeit nicht viel Auswahl und vor allem keine realistische Darstellung der Periode – leider! Daher waren wir von Anfang an darauf angewiesen unser Bildmaterial selbst zu erzeugen – am liebsten mit echtem Menstruationsblut und nachhaltigen Periodenprodukten. Denn wir wollen keine Fotos, die Vorurteile der Menstruation reproduzieren (à la blauer Flüssigkeit als Periodenblut in der Werbung)“, berichtet Britta. Das eigene Bildmaterial teilt Vulvani komplett kostenlos: „Denn das Menstruationstabu beseitigt sich nicht von allein und Bilder sagen bekanntlich mehr als tausend Worte. Wir wollen nicht, dass ein möglicher Beitrag zur Normalisierung der Periode an gutem Bildmaterial scheitert“, ergänzt Jamin.

 

Als First Mover in die Zukunft

Britta und Jamin wollen die Frauen von der ersten Periode bis zur Menopause begleiten. Sie sehen sich mit ihrer Plattform Vulvani als First Mover. Auf dem Markt bieten meist Einzelpersonen ihre Kurse an. „Diese sind zwar auf einem guten Niveau, aber auch sehr hochpreisig. Zudem hängt ihnen oft noch eine Lebensberatung an, die nicht immer gewünscht wird“, so Britta.

Die Academy soll eine digitale Bildungsplattform rund um den weiblichen Körper sein, die den Zeitgeist der heutigen vernetzten Gesellschaft trifft und eine hohe Kursvielfalt bietet. Der Verkauf von Online-Kursen soll das Kerngeschäft darstellen, welches weiter diversifiziert werden soll. Langfristig wächst Vulvani zu einem Bildungsmarktplatz rund um den Körper, auf dem auch externe Creator:innen Online-Kurse einem breiten Publikum anbieten können.

Momentan arbeitet die Plattform mit Freelancern zusammen. Ziel ist es, von Hamburg aus ein Team aufzubauen, das global und remote agiert. Bisher ist Vulvani zweisprachig. 40 Prozent der Nutzerinnen und Nutzer kommunizieren auf Englisch. In den nächsten Jahren will das Startup das Wissen rund um Menstruation für verschiedene Zielgruppen zugänglich machen: Als nächste Sprachen haben Britta und Jamin spanisch, arabisch und eventuell auch chinesisch im Auge. Hierbei wollen sie sich am Feedback orientieren.

Mit zunehmenden Kapital will das Startup auch mehr outsourcen. Zudem gibt es einen Online-Shop für Merchandise. Eigene Erzeugnisse gebe es noch keine, jedoch wolle man Produkte wie etwa Periodenunterwäsche testen und empfehlen, bzw. vertreiben.

 

Vision: Die eigene Plattform als globales Kompetenzzentrum

Vulvani möchte mit der Academy zu einem globalen Kompetenzzentrum rund um den weiblichen Körper werden. Damit erreicht das Startup als relevante Zielgruppe potentiell 51 Prozent der Weltbevölkerung, welche sich als weiblich geborene Person mit Menstruation im Laufe des Lebens auseinandersetzt. „Im Mittelpunkt steht für uns die persönliche und gesellschaftliche Aufklärung sowie Female Empowerment. Anhand unterhaltsamer Bildung möchten wir tabuisierte Themen normalisieren, Menschen stärken und inklusive Gesellschaften zu schaffen“, fasst Britta die Vision zusammen.

 

https://vulvani.com/