EnergieDock gegründet: Ein Gespräch über den Wechsel aus der Wissenschaft und Probleme der Energiewende

„Mir ist das eigentlich ziemlich egal, ob mein E-Auto abends um 10 oder um 5 Uhr am Morgen geladen wird – Hauptsache, es ist voll, wenn ich loswill“. Diesen Umstand macht sich das von der HAW Hamburg und beyourpilot unterstützte Gründungsvorhaben IRES, welches fortan unter dem Namen EnergieDock firmiert, zunutze. Mit einer Handelsplattform für „Flexibilitäten“ von Stromkunden sollen Netze entlastet und die Energiewende beschleunigt werden. Im Interview erzählen die drei Gründer und Wissenschaftler, wie es ist, aus der Hochschule ins Unternehmertum zu wechseln, was hinter ihrem System steckt und wie wir alle davon profitieren sollen.

 

Die EnergieDock UG ist frisch gegründet und Ihr seid seit kurzem Vollzeitunternehmer – wie ist die Stimmung nach dem Wechsel aus der Hochschule?

Dr. Thomas Preisler: Ich glaube, wir haben alle gedacht, dass die Transition ein wenig smoother läuft. Nichtsdestotrotz haben wir aber schon jetzt gute und wichtige Signale bekommen. Einen ersten potentiellen Kunden haben wir etwa bereits an Land gezogen. Da warten wir jetzt nur noch darauf, dass die Verträge final unterschrieben werden, sodass wir dann für die kommende Zeit auch gut finanziell aufgestellt sind und wissen, wo es lang geht. Insgesamt, glaube ich, sind wir alle vorsichtig optimistisch bis enthusiastisch.

Dr. Tim Plath: Apropos Enthusiasmus – ich habe neulich mal mit Tim geschrieben und fand, dass ein Satz, den er geschrieben hat, die Stimmung ganz gut auf den Punkt gebracht hat: „Ich hätte niemals gedacht, dass das ganze so eine unglaublich emotionale Achterbahnfahrt wird!“ Da hast Du nämlich eine Woche, da läuft einfach nichts und du denkst dir so: „Oh Gott, will ich das überhaupt? Passt das alles?“. Und in der nächsten Woche bekommst du drei Zusagen von Interessenten. Dann hat man so ein Hoch. Anschließend wartest Du wieder auf die Verträge. Das ist einfach ein unglaubliches Auf und Ab – teils auf Stundenbasis.

Euer Startup ist aus einem Forschungsprojekt an der HAW Hamburg hervorgegangen. An welchem Problem habt Ihr dort gemeinsam geforscht und arbeitet Euer Unternehmen jetzt?

Tim Dethlefs: Im Prinzip wollen wir zwei Probleme lösen. Das erste kann man auch als Laie ganz gut beobachten: Wenn du die Autobahn Richtung Norden fährst, siehst du sehr oft, dass die vielen Windräder dort stillstehen, obwohl extrem viel Wind da ist. Da liegt also ein ganz offensichtliches Problem der Energiewende. Dass die nicht laufen, hat den Hintergrund, dass es Netzengpässe gibt.

Dr. Tim Plath: Die kommen dadurch zustande, dass wir nicht mehr in einer Welt leben, in der es nur strategisch, heißt geographisch, verteilte Großkraftwerke gibt. Erneuerbarer Strom wird nämlich geballt in bestimmten regionalen Gebieten produziert und ist eben nicht so gleichmäßig verteilt. Den Strom von dort effektiv über die Republik zu verteilen, ist mit dem bestehenden Stromnetz schwierig und überlastet dieses oft. Wenn es dazu kommt, muss der Netzbetreiber eingreifen und gegebenenfalls Anlagen abschalten in einem Netzsegment. In einem anderen muss dann gleichzeitig ein Kohlekraftwerk angeworfen werden, wenn die Energie eben dort benötigt wird, wo kaum erneuerbare Energien erzeugt werden.

Tim Dethlefs: Das Problem mit elektrischer Energie ist nämlich – das hat Charles P. Steinmetz schon vor 100 Jahren erkannt – dass Elektrizität zwar die sinnvollste Energie, weil gut zu transportieren, aber gleichzeitig auch die nutzloseste ist, weil man sie in dem Moment, wo sie erzeugt wird, auch verbrauchen muss.

Dieses Problem soll Euer System helfen zu lösen?

Dr. Thomas Preisler: Ja, wir wollen mit unserem System die Last bzw. die Verbraucher mit Ihrer Nachfrage so steuern, dass diese Engpässe, die die Netzbetreiber nebenbei Milliarden von Euro im Jahr kosten, besser gemanagt werden können.

Tim Dethlefs: Das zweite Problem, das wir auch angehen, hängt mit dem Trend zu immer mehr Elektroautos und zum Beispiel Wärmepumpen in deutschen Haushalten zusammen. Das sind auf einen Haushalt gesehen absolute Großverbraucher, für die auch die Netze auf lokaler Ebene gar nicht ausgelegt sind. Wir reden hier vermutlich von einer Verdreifachung des Energieverbrauchs von Haushalten in den nächsten 30 Jahren. Wenn jetzt alle in einer Straße – wir nennen sie gern scherzhaft „Zahnarzt-Allee“ – ihren Elektro-SUV um 18 Uhr an die Dose hängen, überfordert das schlicht das Netz. Bevor dann alle Lichter ausgehen, greifen die Netzbetreiber regulatorisch ein und regeln die Haushalte dort ab. Das wäre aber eigentlich gar nicht nötig, denn letztlich kann es mir ja egal sein, wann in der Nacht mein Auto geladen wird.

Ich bin als Kunde also flexibel. Kommen hier Eure Mutual Flexibility Agreements (MFA) ins Spiel?

Tim Dethlefs: Genau. Wenn du als Kunde dein Elektroauto laden möchtest, kannst du ihm mittels unseres Systems freiwillig eine Nachricht mitgeben: Ich möchte jetzt laden, und mein Auto steht mindestens vier Stunden hier. Das sind Informationen, die kann ich in einem MFA als handelbares Produkt bündeln. In einem MFA ist also die Information niedergeschrieben, wie viel Energie, wo und in welchem Zeitraum benötigt wird.

Dr. Tim Plath: Der Netzbetreiber kann diese MFA einkaufen und mit diesem Spielraum dann die Lasten verschieben und optimal planen, sodass es keine Netzengpässe bzw. -überlastungen gibt. Das wird er deshalb gerne tun, da dies deutlich günstiger ist, als regelnd einzugreifen.

Tim Dethlefs: Als Kunde bekomme ich im Gegenzug einen Rabatt auf den Strompreis. Somit sparen die Netzbetreiber, der Endkunde und sogar Stromkunden, die nicht am System beteiligt sind. Die Netzbetreiber sind nämlich verpflichtet, ihre Kosten auf die Kunden umzuwälzen. Spart er, muss er diese Ersparnis auch an die Kunden, also uns alle weitergeben. Das heißt, wir schaffen hier etwas Positives für die gesamte Volkswirtschaft und sparen gleichzeitig eine Menge CO2 ein, da wir die erneuerbaren Energien besser nutzen können.

Wie werden die MFA denn zwischen den Akteuren gehandelt?

Dr. Thomas Preisler: Hierfür haben wir einen eigenen Handelsplatz entwickelt, der den zweiten Baustein unseres Systems darstellt. Dabei muss man aber betonen, dass wir keineswegs vorhaben, hier bestehende Energiemärkte zu ersetzen. Vielmehr steht der Handelsplatz für MFAs ergänzend neben diesen. Mittel- bis langfristig ist das auch der Ort, an dem wir Erlöse generieren wollen – durch den Anschluss an das System und mögliche Transaktionsgebühren auf der Plattform.

Ein großes Vorhaben, wir sind gespannt.
Habt Ihr zum Abschluss noch einen Rat oder Tipp für Kolleg:innen aus der Wissenschaft, die auch mit dem Gedanken spielen, zu gründen?

Dr. Tim Plath: Unsere Erfahrung ist, dass man als Wissenschaftler meist versucht ein sehr dickes Brett zu bohren. Und man muss sich damit abfinden, dass das vielleicht nicht zwingend das ist, wo das Geld sitzt und was die Investoren wollen. Nur weil man was Gutes für die Gesellschaft vorhat und das allen Beteiligten irgendwie helfen würde, sowohl ökonomisch als auch ökologisch, heißt das nicht, dass man unbedingt ein Vorteil gegenüber jemandem hat, der – jetzt mal platt gesagt – eine fettfreie Butter erfindet. Für mich war es eine harte Realität, dass teilweise Startups mit wirklich banalen Produkten einfacher durchstarten konnten, einfach, weil die schneller am Markt sind oder weil sie mehr Umsatz generieren können. Das ist, glaube ich, etwas, da darf man sich nicht von abschrecken lassen.

Tim Dethlefs: Nichtsdestotrotz muss man selber auch zusehen, am Ende ein Geschäftsmodell zu finden, das nicht zu wissenschaftlich, zu akademisch und zu weit weg von der Praxis, also quasi ein Forschungsprojekt ist. Man muss also viel kondensieren, herunterbrechen und schärfen.

Dr. Tim Plath: Das ist auf jeden Fall ein großer und nicht immer einfacher Schritt, etwas sehr Innovatives aus der Forschung in kleine Häppchen herunterzubrechen, sodass es attraktiv wird für Investoren und Kunden. Aber es geht nicht anders – und das ist eine harte Wahrheit, die wir lernen mussten, die schwer zu verdauen war und manchmal auch immer noch ist.

Danke Euch für die Einblicke.

 

 

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