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Gründungsberater Lars Kalusky im Interview: „Startups können einiges vom Improtheater lernen“

Lars Kalusky ist beyourpilot Gründungsberater, Diplom-BWLer und studierter Filmschauspieler in Personalunion. Im Interview mit unserem Redakteur erzählt das Multitalent, welche Gründungsideen ihn begeistern, warum in seiner Jugend nur die Ausbildung als Bankkaufmann eine Option war und wie die Tätigkeit als Impro-Schauspieler seine Arbeit bereichert.

 

Lars, Du und Deine Kolleginnen und Kollegen beraten ja zum gesamten Spektrum rund um das Thema Gründung. Gibt es für Dich als Allrounder dennoch einen Schwerpunkt, mit dem Du Dich besonders gut auskennst?

Durch meine ehemalige und nach wie vor bestehende künstlerische Freiberuflichkeit kenne ich mich natürlich gerade in diesem Bereich sehr gut aus. Aber auch die Startphase von Startups mit Ideenfindung, -ausarbeitung und Präsentation des Ganzen gehört zu meinen Schwerpunkten. Also vor allem die Punkte, wo es um kreative Prozesse geht. Das sind dann auch die Themen, wo ich neben meiner Beratertätigkeit spezielle Workshops anbiete.

Gründerinnen und Gründer kommen ja mit einer Vielzahl von unterschiedlichsten Ideen auf Euch zu. Gibt es da Themen, die Du am liebsten hast oder die dich besonders interessieren?

Nun, natürlich habe ich ein besonderes Faible für alles, was im künstlerischen Bereich unterwegs ist, weil ich da, wie gesagt, selbst auch herkomme. Allerdings freue ich mich auch über jede technische Idee, mit der Gründerinnen und Gründer auf mich zukommen.

Gerade die HAW Hamburg, an der Du vor allem berätst, ist ja sehr breit aufgestellt, was das Fächerspektrum betrifft.

Ja, und das ist total klasse, weil ich mich mittlerweile in extrem vielen Bereichen auskenne und die Vielfalt sehr zu schätzen gelernt habe. Am Ende finde ich es genauso spannend, wenn eine Idee aus dem ernährungswissenschaftlichen Bereich kommt oder aus einem technischen, etwa, wenn ein Team etwas an einem Flugzeug neu denkt. Das macht halt diesen Job auch aus, dass immer was komplett anderes kommt – und das fasziniert mich.

Du hast Deinen Background in Bezug auf Freiberuflichkeit und die Schauspielerei schon anklingen lassen. Erzähl doch mal kurz, wie der aussieht – der ist ja schon sehr divers.

Man könnte meinen, er ist sprunghaft (lacht), aber ich finde ihn sehr bereichernd. Ursprünglich habe ich tatsächlich eine Bankausbildung gemacht, ich bin gelernter Sparkassenkaufmann. Das hieß in Niedersachsen damals sogar noch so. Danach habe ich logischerweise – in Anführungsstrichen – ein BWL-Studium in Bremen absolviert. Nach dem Studium habe ich mehrere Jahre als Produktmanager in Internet-Startups gearbeitet und bin irgendwann bei der Comdirect Bank, also in einem Konzern, gelandet.

Ich habe da aber schnell gemerkt, dass ich überhaupt nicht mehr zu meinem Hobby komme und deswegen die Chance genutzt und bin mit einer Abfindung gegangen, die man mir angeboten hatte, als man restrukturieren wollte. Von diesem Geld habe ich dann meine Filmschauspielausbildung in Köln bezahlt.

Du hast gesagt, die Schauspielerei war ein Hobby, das Du da zum Beruf machen wolltest. War das schon von klein auf Deine Leidenschaft?

Das war sie tatsächlich schon in der Schule. Prägend war da vor allem der Wechsel von der Realschule, in die ich nie gerne gegangen bin, aufs Gymnasium, wo ich mit Musiktheater angefangen habe – und da plötzlich sehr viel positive Aufmerksamkeit bekommen habe. Das war ein kompletter Wechsel, der mein Leben extrem geändert hat und der für mich in der Rückschau sehr, sehr wichtig war. Und deswegen ist es halt auch immer ein wichtiger Teil gewesen. Ich fühle mich auf der Bühne einfach extrem wohl.

Da stellt sich natürlich zwangsläufig die Frage, wie man vor diesem Hintergrund denn auf die Idee kommt, die doch eher trockene Ausbildung zum Sparkassenkaufmann zu machen.

Die kurze Antwort: Ich wohnte auf dem Dorf.

Aber Spaß beiseite. Ich glaube, wenn ich in einer großen Stadt wie Köln oder Hamburg gewohnt hätte, hätte ich was anderes gemacht. Aber irgendwie war das so der logische Weg – man machte halt diese Ausbildung, die in der Nähe war. Ich muss aber dazu sagen, dass ich ein echt schlechter Sparkassenangestellter war, der nach drei Jahren immer noch nicht die Kontonummern oder Namen der Kunden kannte.

Das klingt nach Klischee: Kind, mach was Solides, mach eine Bankausbildung.

Für meine Mutter war das tatsächlich auch nicht einfach, als ich dann anfing, Schauspiel zu studieren. Weil als Bankkaufmann und mit BWL-Studium war ich ja eigentlich was – da hat sie wirklich drunter gelitten. Bis sie dann irgendwann das erste Mal bei Rewe an der Kasse von einer Bekannten angesprochen wurde: "Mensch, ich hab Lars gesehen, der spielt ja jetzt bei Verbotene Liebe". Als ich dann im Fernsehen war, war also alles gut (lacht).

Als Schauspieler hast Du ja eine völlig andere Arbeitswelt als hier als beyourpilot Berater. Du machst mittlerweile aber beides nebenher. Wie passt das zusammen und was macht eigentlich mehr Spaß?

Wie gesagt, nach wie vor macht es mir Spaß, auf der Bühne zu stehen. Das macht man allerdings nicht hundertprozentig am Tag. Und ich muss sagen, vor allen Dingen klassisches Theater liegt mir nicht. Es ist halt so: Man wartet auf den nächsten Auftritt und macht in der Zwischenzeit nichts. Das finde ich ganz furchtbar. Deswegen finde ich es wunderbar, dass ich da so ein Mix gefunden habe. Erst einmal mit professionellem Improtheater im Ensemble der Steifen Brise, eine Bühne, die mir wirklich Spaß macht. Und dann finde ich es toll, dass ich mich als Berater an einen Schreibtisch setzen kann und „koordinierte“ Sachen mache. Das gleicht mich aus.

Ich merke jetzt während der Krise auch, dass der Mix nicht stimmt: Mir fehlt dieses kreative Austoben komplett. Ich habe da so zwei Seelen in meiner Brust. Auf der einen Seite bin ich halt ein sehr strukturierter, auf der anderen Seite extrem kreativer Mensch. Und momentan verkümmert das Kreative so ein bisschen und ich bin nur noch am Strukturieren. Ich muss mal wieder was Verrücktes machen!

Toi toi, dass es bald wieder möglich ist, auf der Bühne zu stehen. Ich muss aber als Theaterlaie noch mal nachhaken: Du hast ursprünglich Filmschauspiel studiert, machst jetzt aber hauptsächlich Improtheater?

Genau. Der Weg ging so vom Film über Serie und danach denkt man ja immer, man hat den großen Durchbruch. Ist aber meistens nicht so. Danach habe ich viel Theater gespielt. Habe dann aber auch schnell gemerkt, dass so klassisches Theater mir einfach nicht liegt. Ich habe mich dann wieder sehr auf BWL konzentriert und war lange als Unternehmens- und Personalberater unterwegs, bevor ich das Improtheater für mich entdeckt und lieben gelernt habe.

Denn dieses komplett spontan auf der Bühne improvisieren, das zu machen, was in dem Moment ist, das finde ich großartig. Und damit Geschichten zu erzählen. Damit hab ich dann auch die perfekte Verbindung zu meinem BWLer Leben gefunden, weil man das auch ganz wunderbar im Business Theater Bereich machen kann. So kann man mit Improtheater sehr gut Unternehmen beraten und unterstützen, etwa wenn es darum geht, Change Prozesse umzusetzen.

Wenn wir dich dann schon als Experten an Bord haben: Was können Startups vom Improtheater lernen?

Das ist einiges, aber ich versuche es mal auf den Punkt zu bringen. Als Startup muss man sehr gut planen und Entscheidungen treffen: Was will ich eigentlich? Wo will ich hin? Und dann muss ich aber auch mit den Gegebenheiten umgehen können, die ungeplant passieren – und solche Dinge kommen immer – gerade in der Gründungsphase. Gleichzeitig hat man als junges Team noch nicht so viel Erfahrung. Sich dann nicht von diesen Unwägbarkeiten umhauen zu lassen, ist nicht leicht.

Denn oft heißt es dann zwangsläufig: Spontan und vor allem schnell improvisieren, einen neuen Weg gehen. Und da hilft das Mindset aus dem Improtheater enorm. Denn das hilft mir dabei zu sagen: Es bringt uns jetzt nicht um, wenn dieser Wirtschaftszweig gerade nicht funktioniert. Wir haben ein tolles Produkt, das funktioniert auch auf diesem Wirtschaftszweig. Das von uns begleitete Startup  Holos ist ein super Beispiel dafür, wie man mit diesem Mindset erfolgreich vorangehen kann.

Und deswegen kann ich auch wirklich jedem nur raten, auch wenn man überhaupt nichts mit Theater am Hut hat, einfach mal so einen Impro-Kurs zu machen. Das kann einen enorm weiterbringen, gerade wenn es um Flexibilität und das Grenzen ausloten geht.

Improvisieren kann man also lernen. Dennoch hast Du mal erwähnt, dass es auch Grenzen gibt.

Ja, das gehört auch zur Gründungs-Wahrheit: Man sollte dabei nie so intensiv nach links und rechts schwenken, dass die eigentliche Grundidee komplett verwässert. Das ist etwas, das habe ich in meinem Gründerleben gelernt. So bin ich mit einem Startup einmal komplett auf die Nase gefallen, weil wir unsere Geschäftsidee einer Förderung angepasst haben. Und wir haben die so stark angepasst, dass von der Geschäftsidee am Ende nichts mehr übrig geblieben ist. Für eine Förderung haben wir unsere Idee also komplett verraten, woran dann letztlich auch das Team zerbrochen ist. Das sollte man dann auch nie machen, das darf's nicht sein.

Im Mai gibst Du bald wieder einen Workshop rund ums Präsentieren beim Pitch. Sag uns doch nochmal zum Abschluss, was die Teilnehmerinnen und Teilnehmer da erwarten können?

Im Workshop geht es sehr stark um die eigene Persönlichkeit und wie man mit einer Situation wie einem Pitch umgeht. Dabei geht es nicht darum zu sagen: Ihr müsst ABC machen und euch im Zweifelsfall ändern, damit euer Pitch super wird. Es geht darum, mit dem zu arbeiten, was man hat, was man mitbringt. Dass man authentisch bleibt und in seiner Authentizität etwas präsentiert.

Es macht ja keinen Sinn, wenn man einen Hasen und eine Schildkröte im Workshop hat und dann beiden sagt: Okay, du musst so schnell wie möglich ans Ziel rennen. Der Hase wird immer gewinnen. Aber auch die Schildkröte hat Stärken, die sie einsetzen kann. Von daher geht es im Workshop vor allem darum zu gucken: Was hast du für Stärken und wie kannst du bei deinem Pitch punkten?

Danke Dir für das Gespräch.

 

Workshop-Tipp:

18. Mai 2021
Souveränes Präsentieren und Pitchen
von Geschäfts- und Projektideen

Anmeldung folgt