Interview mit Plancraft: „Es macht einfach Spaß einer vernachlässigten Zielgruppe zu helfen“

Das Startup Plancraft erhält seit Januar 2020 das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirschaft und Energie (BMWi). Redakteurin Laura Steinau hat sich deswegen mit Julian Wiedenhaus zum Interview getroffen.

 

Das richtige Werkzeug für Handwerker: Das liefert Plancraft. Hinter dem Startup steht das Dreier-Gründerteam Alexander, Richard & Julian. Zusammen vereinen sie Wissen aus den Bereichen Handwerk, Software, Wirtschaft und Bauingenieurwesen. Plancraft erhält seit Anfang 2020 das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirschaft und Energie (BMWi). Die Gründer arbeiten in einem Büro im Startup-Dock-Gründungszentrum in Harburg. 

Wie seid ihr auf die Idee von Plancraft gekommen?

Die Idee ist 2018 entstanden. Alex’ Vater hat eine Zimmerei mit knapp 25 Mitarbeitern. Dort waren alle unzufrieden mit der Software für die Auftragsbearbeitung. Sie war viel zu kompliziert, technologisch veraltet und dadurch einschränkend und langsam. Alex hat dann nach neuer Software gesucht, lange recherchiert und schließlich eine Lösung gefunden. Nach der aufwendigen Umstellung und einer vierstelligen Lizenzgebühr war klar, der gewünschte Mehrwert wird nicht erreicht. Die Software war genauso schlecht und komplex umgesetzt, mit dem einzigen Unterschied, dass sie nicht von 1998 sondern von 2010 war. Das Ganze wurde dann abgebrochen und Alex hatte das Potential einer innovativen Software erkannt. Er holte mich mit ins Boot. Auf Basis des Lean Startup Playbooks, das wir aus dem Studium kannten, haben wir dann Interviews mit anderen Betrieben aus dem Netzwerk heraus geführt und festgestellt, dass es sehr viele Baustellen in diesem Bereich gibt. Wir haben sehr viele Ideen mitgenommen und ein halbes Jahr zusammen mit Richard ein Konzept entwickelt, also uns langsam an die Idee herangetastet, die wir heute verfolgen.

Und wie sieht die Idee genau aus?

Unsere flexible Web-App vereinfacht die Auftragsbearbeitung für Handwerker. Jeder Handwerker kann schnell loslegen in der Anwendung, das Onboarding geht leicht, die User Experience ist einmalig. Die SaaS-Lösung ist sehr intuitiv und unterstützt den Nutzer mit einer intelligenten Suche, um schnell Dokumente zu erstellen. Gleichzeitig hat die Software die Flexibilität von einer Cloudanwendung und ist plattformunabhängig. Und das Ganze ohne aufwendige Installation oder nervige Updates. Und sie läuft auch mal, wenn mal kein Internet verfügbar ist.

Später möchten wir auch in Richtung Machine Learning-Support weitergehen, und dass die Betriebe alle Dokumente auch auf einer Plattform teilen können, wenn sie an Bauprojekten arbeiten. Das ist Zukunftsmusik, aber da wollen wir hin.

Kannst du noch genauer beschreiben, welches Problem Ihr damit löst?

Handwerker sind chronisch überlastet, die Auftragsbücher platzen.

Problematisch ist, dass Meister und Geschäftsführer zusätzlich an die Auftragsbearbeitung gebunden sind. Sie müssen für Kunden fachlich korrekte Angebote schreiben, Aufmaße berechnen und Aufträge überblicken. Die heutigen Lösungen sind entweder altbackene Software, die eigene Server braucht. Oder schlecht umgesetzte Webapps, die Verbesserung versprechen, aber genauso komplex, spezialisiert und im Endeffekt für den Handwerker überfordernd sind. Plancraft setzt da als erste PGA (Progressive WebApp) neue Standards in puncto UX, fokussierten Features und intuitiver Bedienbarkeit. Um das sicherzustellen, entwickeln wir seit Gründung gemeinsam mit Handwerkern an schnell verständlichen und einfachen Lösungen. Egal ob Zimmerei mit 25 Mitarbeitern, Tischler mit fünf oder Ein-Mann-Trockenbauer – Diversität hilft unserem Produkt.

Was hat dich ganz persönlich dazu bewogen, ein Startup zu gründen?

Von der Arbeit bei Airbus hatte ich mich für den Master freistellen lassen, der war nicht dual. In einem Entrepreneurship-Modul habe ich in einem Projekt mit Alex erste Startup-Erfahrungen gesammelt. Neben dem Studium habe ich bei Hanseatic Consulting studentische Beratung gemacht, da hatte ich auch mit Startups Kontakt. Ich fand diese agilen Arbeitsweisen inspirierend, das kannte ich aus dem Großkonzernleben nicht, das wollte ich unbedingt machen – das ist mein erfüllender Karriereweg. Nach dem Master habe ich dann noch ein ganzes Jahr bei Airbus gearbeitet, parallel schon Plancraft entwickelt und seit Ende 2019 mache ich das jetzt in Vollzeit. Seitdem dürfen wir alle das Credo “No more mondays” leben – es macht einfach Spaß einer vernachlässigten Zielgruppe wie den Handwerkern zu helfen.

Dann wünschen wir euch viel Erfolg beim Durchstarten mit plancraft.de und vielen Dank für das Interview, Julian!

 

Background

Alexander Noll (26): Alex hat den Bauingenieur-Bachelor an der TU Hamburg (TUHH) absolviert. Parallel hat er sich als Energieexperte am Elbcampus ausbilden lassen. Den Master International Business and Engineering hat er ebenfalls an der TUHH gemacht und 2019 abgeschlossen. Während des Studiums hat er sich bereits mit Softwareentwicklung auseinandergesetzt, autodidaktisch weitergebildet und Werkstudentenstellen als Entwickler angenommen. Während einem dieser Jobs hat er dann bei Etventure, einer Tochterfirma des Consultingunternehmens Ernst & Young, Richard kennengelernt. Alex hat die Handwerk-Connection, denn seinem Vater gehört die Zimmerei Noll in Tostedt bei Hamburg, wo Alex aufgewachsen ist.

Richard Keil (35): Richard war der Mentor von Alex bei Etventure. Er ist der IT-Experte im Team, hat mit einer Fachinformatikerausbildung begonnen und viele Jahre Berufserfahrung in den Bereichen Webdesign/Web Development in Agenturen, Corporate Startups und Beratungen gesammelt. Als Full Stack Entwickler (heißt, er kann Frontend und Backend programmieren) ist er wie die anderen seit Ende 2019 in Vollzeit bei Plancraft tätig. Richard ist gebürtiger Münchener.

Julian Wiedenhaus (27): Julian ist gelernter Maschinenbauer. In Form eines dualen Studiums bei Airbus in Bremen hat er sowohl eine Ausbildung zum Fluggerätmechaniker als auch den Bachelor of Engineering an der Hochschule Bremen abgeschlossen. Den Master International Business and Engineering hat er wie sein Mitgründer und Kommilitone Alex an der TUHH gemacht und 2018 abgeschlossen. Parallel zu Plancraft arbeitete Julian bis 2019 noch als Projektmanager bei Airbus. Er stammt aus Bielefeld.