Johannes Weber: 6 Erkenntnisse aus 6 Jahren bentekk

Als Mitgründer von bentekk hat Johannes Weber kürzlich einen Artikel zu den sechs Lehren aus dieser prägenden Startup-Zeit veröffentlicht. In Form eines Gastbeitrages stellt er uns diese wertvollen Erkenntnisse zur Verfügung und hat unserer Redakteurin Laura Steinau zudem noch ein paar Fragen beantwortet.

 

Am 22. Januar habe ich einen Vortrag vor angehenden Startup-Gründern im Airbus BizLab im Rahmen einer Veranstaltung des TU Hamburg Institute of Entrepreneurship gehalten. Die Inhalte habe ich anschließend aufgeschrieben, um sie weiteren Interessierten zugänglich zu machen. Der Artikel ist erstmals hier in englischer Sprache erschienen.

Im Januar habe ich über sechs Erkenntnisse aus sechs Jahren Gründung und Aufbau von bentekk gesprochen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Unternehmen bereits seit einigen Monaten verlassen, also eine gute Zeit, um mit etwas Abstand über meine Erfahrungen zu reflektieren. Wer mehr über bentekk erfahren möchte, kann die Unternehmenswebseite besuchen oder dieses Interview nachlesen.
Auf folgende Punkte würde ich besonders achten, wenn ich mit einem neuen Startup nochmal ganz von vorne beginnen würde:

1. Mitarbeiter am Unternehmenserfolg beteiligen
Die Entwicklung eines High-Tech-Hardwareprodukts erfordert eine Vielzahl von Fähigkeiten, die in Gründungsteams von zwei bis drei Personen selten vollständig abgedeckt werden. Mein Mitgründer, Matthias Schmittmann, ist Chemieingenieur und ich Maschinenbauingenieur. Zusätzlich haben wir beide ein MBA-Studium abgeschlossen und vereinen somit eine Reihe von notwendigen Fähigkeiten. Dennoch war weiteres, tiefgehendes Wissen absolut zentral für die Entwicklung unseres Produkts, zum Beispiel im Bereich der Elektrotechnik, der Softwareentwicklung (Firmware, Native Mobile und Web) und über Optimierungsalgorithmen.

Eine Erweiterung des Gründerteams liegt nahe, ist aber regelmäßig nicht möglich oder sinnvoll. Die Abhängigkeit von ersten Angestellten ohne engere Bindung an das Unternehmen birgt jedoch ein erhebliches Risiko und erfordert viel Fingerspitzengefühl und Nervenstärke seitens des Gründungsteams. Das gilt besonders in kleinen Teams, bei denen nicht jeder Aufgabenbereich mindestens doppelt besetzt ist.

Um diesen Konflikt zu lösen, würde ich ein Programm aufsetzen, das ausgewählten Mitarbeitern virtuelle Gesellschaftsanteile ohne Stimmrecht gewährt und sie damit am möglichen Erfolg des Startups beteiligt. Dies schafft einerseits eine wesentlich stärkere Motivation und Loyalität des Mitarbeiters gegenüber dem Startup, andererseits ermöglicht es diese Vergütungskomponente, früher erfahrene Mitarbeiter zu gewinnen, für die das Startup sonst nicht attraktiv genug gewesen wäre.
In Deutschland sind die Steuergesetze für Mitarbeiterkapitalbeteiligungen im Vergleich zu vielen anderen Ländern nachteilig, weshalb ich eine der Kernforderungen an die Politik vom Bundesverband Deutsche Startups und dessen Vorsitzenden Christian Miele, dies zu ändern, nur nachdrücklich unterstützen kann.

2. Häufiger am Unternehmen statt im Unternehmen arbeiten
Durch den Kauf meines Startups im Jahr 2017 durch den Konzern Dräger wurden viele der für das Wachstum notwendigen Mitarbeiter nicht bei bentekk eingestellt, sondern neue Aufgaben im Rahmen eines Integrationsprozesses von bestehenden Konzernmitarbeitern übernommen, insbesondere in den Bereichen Vertrieb, Service und Produktion. Aus diesem Grund blieb bentekk, was die Zahl der Mitarbeiter betrifft, immer relativ klein, ohne eigene Assistenten. Das bedeutete, dass ich als Geschäftsführer oft viele der sehr operativen Aufgaben selbst übernahm, wie beispielweise die Digitalisierung von Belegen, das Testen von Software und die IT-Administration.
In Zukunft würde ich mehr dieser Aufgaben an das bestehende Team übergeben oder darauf bestehen, es entsprechend zu erweitern. Gerade in einer späteren Startup-Phase kann das Gründerteam langfristig mehr Wert schaffen, wenn es sich die Zeit nimmt, den „Maschinenraum“ zu verlassen und strategischer über Partnerschaften, Unternehmenskultur, Mitarbeiterentwicklung, Netzwerke und andere Werttreiber nachzudenken.
Vor einiger Zeit habe ich ein Buch von Stefan Merath gelesen, in dem die verschiedenen Rollen eines Unternehmers definiert sind. Seine Aussage, regelmäßig am Unternehmen, mit einer gewissen Außenperspektive in der Rolle als Gesellschafter, zu arbeiten, statt ausschließlich im Unternehmen zu arbeiten, ist sehr wertvoll zu verinnerlichen.

3. Erfolge gebührend feiern
Während meiner sechs Jahre bentekk haben wir große und kleine Erfolge erzielt, darunter den ersten voll funktionsfähigen Prototypen, den Abschluss der ersten Finanzierungsrunde, das erste verkaufte Produkt und den Gewinn von Preisen sowie Auszeichnungen. Rückblickend haben wir viele dieser Meilensteine nicht wirklich gefeiert. Manchmal waren die Tage davor so anstrengend, dass wir lieber ins Bett gefallen sind. Manchmal haben wir den Erfolg entweder als selbstverständlich hingenommen oder aber nicht als solchen empfunden.

Letztlich sind es aber genau diese Erfolge, die in Erinnerung bleiben und deshalb sollten sie gebührend gefeiert werden. In Zukunft würde ich auch wichtige Partner des Startups einbeziehen, um die Beziehung zu ihnen zu stärken. In unserem Fall hätten dies unter anderem die Steuerberater von Clostermann Jasper Partnerschaft, die Industriedesigner von INDEED und die Ansprechpartner des Vermietes NIT sein können.

In schwierigen Zeiten, in denen Optimismus und Motivation schwieriger zu finden sind, brauchen wir diese Erinnerungen, um durchzuhalten. Ich glaube, dass die meisten Menschen nicht durch harte Geschäftsergebnisse motiviert werden. Wir sind motiviert, wenn diese mit persönlichen, positiven Erfahrungen verbunden werden.

4. Zeit für persönliche Weiterentwicklung nehmen
Ich stimme dem häufig genannten Rat zu, dass Startup-Teams einen „laser focus“ in der Aufbauphase mitbringen müssen. Auch wir haben uns in den ersten Jahren voll und ganz auf die Umsetzung unseres Unternehmensplans konzentriert.

Angesichts beispielsweise der großen Zahl von Startup-Veranstaltungen gelingt diese Konzentration nicht allen Teams. Ich nehme sogar eine adverse Selektion der Teilnehmer wahr. Die Gründer, die viel Zeit für Veranstaltungen finden, sind oft diejenigen, die sich aufgrund des vermeintlich hippen Lebensstils dazu entschließen, Unternehmer zu werden, oder die lange mit der Idee spielen, sie aber nie in die Tat umsetzen.

Aber: Ich halte es für wesentlich, nach dem Finden des Product-Market-Fit den Blick zu erweitern und an der persönlichen Entwicklung zu arbeiten, zum Beispiel durch den Austausch mit anderen Unternehmern.
Wenn das Team wächst, ändert sich die Rolle des Gründers hin zu der eines Managers, von dem andere Fähigkeiten verlangt werden. In Zukunft würde ich mir mehr Zeit nehmen, um mich weiterzubilden, wie ich es kürzlich mit einem Coding-Bootcamp getan habe und, um mein Netzwerk zu erweitern, zum Beispiel durch ein verstärktes Engagement beim WeWork Labs Hamburg.

Ich halte es für richtig, Unternehmertum als eine Möglichkeit zu sehen, sich nicht auf das einzelne Unternehmen, sondern auf den persönlichen, unternehmerischen Weg zu konzentrieren. Mit dieser Einstellung kann auch aus dem möglichen Scheitern eines Startups im Rahmen eines Lernprozesses etwas Positives gewonnen werden.

5. Love it or change it
Als Geschäftsführer habe ich keinen Chef, an den ich mich wenden kann, wenn ich mich über etwas beschweren will. Wenn es mir nicht gefällt, ist es an mir, es zu ändern. Ganz einfach.

6. Vielfalt des Unternehmertums erkennen
Mit bentekk gehörten wir nicht zu den Startups, die innerhalb eines Jahres 100 Mitarbeiter einstellen und das Ziel verfolgen, den Umsatz jährlich zu vervierfachen. Aber gleichzeitig wollten wir Risikokapital aufnehmen, um die komplexe Produktentwicklung so schnell wie möglich voranzutreiben. Eine Finanzierung von bentekk durch parallele Ingenieurdienstleistungen wäre denkbar gewesen, hätte aber den Fokus deutlich verschoben.

High-Tech-Hardware-Startups stehen oft an der Kippe „venture cases“ zu sein. Groß zu denken und externes Kapital aufzunehmen, hat bei uns geklappt, ist aber in diesem Bereich alles andere als einfach. Ich habe kürzlich eine Veranstaltung mit Catharina Bruns mitorganisiert, die im deutschsprachigen Raum für andere Formen des Unternehmertums eintritt. Sie hat mir die Vielfalt des Unternehmertums wieder bewusst gemacht.

Ich empfehle jedem angehenden Gründer, sich genau zu überlegen, ob zum Beispiel die selbstständige Arbeit als Freiberufler oder Gewerbetreibender, das Bootstrapping einer Agentur oder eines kleinen, mittelständischen Unternehmens oder eine Unternehmensnachfolge nicht besser zu ihr oder ihm passt. Viele der mit Risikokapital verbundenen Herausforderungen sind dann vom Tisch. Wir sollten die Vielfalt des Unternehmertums mehr schätzen und als gleichwertige Alternativen begreifen.

3 Fragen von Laura Steinau an … Johannes Weber

Dein Artikel enthält wertvolle Erkenntnisse aus deiner Startup-Zeit. Gibst du dein Wissen darüber hinaus auch an andere Gründer weiter?
Ich engagiere mich zum Beispiel als Mentor für andere Startups beim WeWork Labs Hamburg. Auch aus dem Umfeld des Startup Dock habe ich den letzten Wochen viele Teams auf einen Kaffee oder zum Mittagessen getroffen. Ich gebe gerne Wissen in die Startup-Szene zurück und vielleicht ergibt sich aus diesen Gesprächen auch eine spannende Möglichkeit für zukünftige Projekte.

Dos und Don’ts gibt es in der Gründerwelt zuhauf: Wie lauten deine zwei zentralen Tipps für unsere jungen Gründer?
Erstens: Nicht zu lange zögern, sondern einfach loslegen. Alles Notwendige lernt man auf dem Weg am besten. Zweitens: Eine Idee allein ist nichts wert. Die Implementierung ist entscheidend. Deshalb sollte sich niemand scheuen offen über seine Pläne zu sprechen. Mit potentiellen Kunden, mit erfahrenen Gründern, mit möglichen Partnern. Jedes Gespräch bringt den Gründer oder die Gründerin einen Schritt weiter.

Wie sehen deine nächsten Pläne aus?
Ich habe mir vorgenommen nach dem Austritt bei bentekk mindestens sechs Monate für neue Lernerfahrungen und zur Regeneration zu nutzen. Für die Zeit danach habe ich mich noch nicht festgelegt, kann mir aber derzeit gut vorstellen ein bestehendes Startup-Management zu ergänzen und dieses in der Wachstumsphase zu unterstützen. Erste Gespräche in diese Richtung konnte ich bereits führen und die Lust darauf steigt jede Woche.

Vielen Dank, lieber Johannes, für deinen Gastbeitrag und das Interview!

 

Background zu bentekk

Matthias Schmittmann und Johannes Weber haben bentekk 2013 aus dem Studium heraus gegründet. Beide haben an der Technischen Universität Hamburg (TUHH) und am Northern Institute of Technology Management (NIT) studiert. Das Startup hat das X-pid 9000 entwickelt, ein portables Gasmessgerät zur Überwachung von Grenzwerten krebserregender Stoffe in der Luft. Das Gerät wird im Arbeitsschutz von Unternehmen der Öl, Gas und Chemischen Industrie eingesetzt. Zu den Kunden gehören unter anderem BASF, Shell, Dow und BP. Im April 2017 hat bentekk 51 Prozent der Anteile an die Dräger Safety AG & Co. KGaA verkauft. (siehe dazu unseren Blog-Artikel). Anfang 2019 hatten die Gründer dann die letzten Gesellschaftsanteile an Dräger verkauft und waren seitdem nur noch angestellte Geschäftsführer. Ende August folgte dann nach einer sechsmonatigen Transferphase der Ausstieg. Das Dräger X-pid 9000 ist mittlerweile in mehr als 15 Ländern in Europa, Nordamerika, Australien und vereinzelt in Asien verfügbar.