v.l.n.r.: Dr. Thomas Remke, Julius Pröll und Sebastian Bartels (Foto: repath)

repath im Interview: "Wer Klimawissen zur Anwendung bringen will, muss mehr bieten"

Vielen Unternehmen fehlt Know-how, wenn es um Anpassung an ein verändertes Klima geht. Ihnen fehlt die Vorstellung, welche Folgen dies ganz konkret für ihr Business haben kann. Hier setzt das Startup repath von der Universität Hamburg an: das Team um Julius Pröll und Thomas Remke übersetzt am Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) die Ergebnisse von Klimarechnungen in Risikobewertungen für internationale Standorte und Lieferketten. Betreut wird das Startup von der beyourpilot-Gründungsberaterin Dr. Bettina Otto und unterstützt durch ein EXIST Gründerstipendium. Ute Kreis führte mit Julius und Thomas ein Gespräch über das, was Unternehmen wirklich wissen wollen und die Idee für ihr Startup repath.

 

Vom Wissenschaftler zum Unternehmensgründer, wie kam das?

Julius Pröll: Bevor wir uns selbstständig gemacht haben, habe ich mehrere Jahre am Climate Service Center Germany (GERICS) gearbeitet. Dort geht es unter anderem darum, gemeinsam mit Unternehmen und Institutionen Ideen und Prototypen zu entwickeln, wie wissenschaftliche Ergebnisse für diese nutzbar gemacht werden können.

Thomas Remke: Solche gemeinsamen Pilotprojekte sind superspannend, aber auch aufwändig. Wir haben festgestellt, dass Unternehmen auf lange Sicht eher nach Anbieterinnen und Anbietern suchen, die sie dauerhaft und im täglichen Geschäftsalltag beim Lösen ihrer ganz individuellen Klimaprobleme unterstützen. Diese Lücke wollen wir füllen.

„Know your climate risks“, heißt es dazu auf eurer Website. Wie sieht das konkret aus?

Julius Pröll: Viele Unternehmen agieren international. Wenn Klimamodellrechnungen in einer bestimmten Region für die kommenden Jahrzehnte vermehrten Starkregen vorhersagen, macht ein teurer Neubau an gleicher Stelle möglicherweise wenig Sinn. Man sollte zukünftige Klimabedingungen und entsprechende Anpassungsmaßnahmen bereits bei der Planung mitdenken. Dies kann auch eine Investition in einen alternativen Standort sein. Ähnlich verhält es sich mit den Lieferketten: Wer von einzelnen Zulieferern abhängt, muss im Blick behalten, dass diese unter allen Umständen sicher liefern können – oder sich breiter aufstellen. Dass möglicherweise wichtige Rohstoffe fehlen, wenn Wassermangel die Flussschiffahrt lahmlegt oder wegen einer Hitzewelle Maschinen ausfallen und nicht ausreichend produziert werden kann.

Ihr bietet also Klimaberatung an?

Julius Pröll: Teil, teils. Wir arbeiten mit Kundinnen und Kunden sehr eng zusammen, um zu ermitteln, was diese wissen wollen – und müssen. Unser Geschäftsmodell ist aber eine IT-basierte, sogenannte Climtelligence Lösung, die 24 Stunden am Tag und in Sekundenschelle maßgeschneiderte Informationen liefert – auch dann, wenn ein Berater oder eine Beraterin gerade nicht verfügbar ist. Kernelement ist eine digitale Plattform, mit der Kundinnen und Kunden Informationspakete je nach Bedarf konfigurieren und abrufen können.

Thomas Remke: Fakt ist: Es genügt nicht, Klimadaten einfach ins Netz zu stellen und der Rest erledigt sich von selbst. Wer Klimawissen zur Anwendung bringen will, muss mehr bieten.

Unser Ziel ist es, physikalische Klimarisiken mit Informationen aus anderen Bereichen zu verbinden: Technischen Kennzahlen, Infrastrukturdaten, Regelungen und Gesetzen, Finanzdaten – so dass wir Aussagen zu den Folgen machen können: Wie luftig muss die Lagerhalle sein, damit höhere Luftfeuchte künftig nicht die Ware verdirbt? Wo sind Extremwetterereignisse zu erwarten, die kritische Infrastruktur wie zum Beispiel Stromtrassen gefährden können?  Welche Transportwege sind in Zukunft praktikabel, welche rechnen sich?

Für das Gründerjahr habt ihr den Kontakt zur Universität und zum CEN gesucht – warum?

Thomas Remke: Ich habe meine Masterarbeit am Institut für Meereskunde bei Prof. Johanna Baehr geschrieben, später am Climate Service Center Germany und der Leuphana Universität Lüneburg promoviert. Die Nähe zur Universität Hamburg und zum CEN aber blieb. Da lag es nahe, die guten Kontakte zu reaktivieren. Wir sind sehr froh, mit der Universität Hamburg, dem CEN aber auch dem Exzellenzcluster und dem Deutschen Klimarechenzentrum inhaltlich so nah an der Klimaforschung zu sein und an der Infrastruktur teilhaben zu dürfen. Generell wird die Finanzierung durch EXIST immer über eine Universität abgewickelt.

Wie viel Mut zum Risiko braucht man und wieviel Unternehmergeist steckt in euch?

Julius Pröll: Selbständig zu sein ist herausfordernd, aber auch langjähriger Traum von mir. Ich freue mich richtig, dass jetzt alle Rahmenbedingungen passen: ein großartiges Team, ein sehr relevantes Thema und eine Lösung, die wirklich Sinn macht. Außerdem ist es natürlich toll, dass unser EXIST Stipendium eine Zeit lang den finanziellen Druck reduziert.

Thomas Remke: Ich fühle mich gar nicht besonders mutig. Es ist der richtige Zeitpunkt und die aktuelle klimapolitische Situation spielt uns in die Karten. Leute, die Lösungen bereitstellen, werden händeringend gesucht. Kreativ sein zu können und dabei etwas zu bewirken, das ist doch ideal.

 

Das Startup repath besteht aus Liza Altena (international markets), Sebastian Bartels (product design), Julius Pröll (climate risk assessments) und Thomas Remke (climate modeling).

Weitere Informationen zur Gründungsgeschichte von Repathnow.com gibt es in unserer Startup Story.

 

Quelle: https://www.cen.uni-hamburg.de/about-cen/news/10-news-2021/2021-11-11-exist-stipendium.html